Ulrich Klieber – Malerei

Vom 14. April bis 22. Mai 2011

GEOGRAPHIEN DER ABSCHWEIFUNG

Früher hieß es einmal: Kliebers Waffe ist das Lachen. Inzwischen hat sich sein Lachen als wirkungslos erwiesen. Die Ironie als Waffe hat sich als nicht mehr zeitgemäß herausgestellt. Die Volumen lösen sich auf, verschwinden. Übrig bleibt eine flüchtige, fragmentierte Kontur der gegenständlichen Welt, der menschlichen Figur, der ehemaligen Landschaft und der ursprünglichen Bildidee. Ja die Fragwürdigkeit eines Bildes selbst. Der Kunst im Allgemeinen: Das Wahrgenommene wird reduziert und stilisiert. Und in seinen Restbeständen zu reflektieren versucht. In Notizen und Skizzen, und diese waren seit jeher seine Stärke. Ulrich Kliebers Spontaneität ist hemmungslos, und er gleicht einem Tagebuchschreiber, der alles festhalten und aufbewahren will, was in Sekunden geschieht.

Und deshalb ist die schnell verrinnende ZEIT sein gnadenloser, unbeugsamer Feind. Ulrich Klieber musste Ballast abwerfen: AUSWENDIGES, INWENDIGES, KOMPLETTE SYSTEME. Alles, was sich nicht entschieden zur Wehr setzte, wurde beiseite gelassen, losgelassen, demontiert. Selbst sein persönliches Navigationsgerät fiel dieser Reinigung zeitweise zum Opfer, denn er widersetzte sich jeder vorgegebenen Weg- und Zielrichtung. Entwickelte sein eigenes Streckennetz, seine eigene Route. Und ignorierte dabei die üblichen Besitzansprüche und nahm sich, was er gebrauchen konnte: Benennbares, Erkennbares, Alltägliches. TROPHÄEN IM RAUSCH DES ERZÄHLENS. Und immer in dem Glauben, dass etwas Sinn habe oder mache, was immer er sich aneignete.

Ulrich Klieber sagte einmal: „Ich brauche die verschiedenen Konsistenzen zum Malen.“ Damit meinte er seinerzeit seine eigenen Farbpigmentierungen. Heute dagegen sind es die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Denksysteme und Lebensformen, die ihn mit weitgeöffneten Augen durch die Welt treiben. Vor das jeweilige Bild zwingen. Seine Analyse erwarten. Sein Herz und seinen Verstand herausfordern. Kein Wunder, dass seine Nerven manchmal überreizt und seine Psyche erschöpft wirken. Denn seine Schnelligkeit ist überwältigend. Ulrich Klieber ist ein Einzelkämpfer mit Courage, der ständig unterwegs ist. Der Kontinente und Metropolen durchquert. Und je mehr Ballast er dabei abwirft, desto schneller seine Fortbewegung. Und vor allem: desto risikoreicher die Höhe. Jeder Ballonfahrer kann das bestätigen.

Früher stimulierte und animierte ihn das Vernissagen-Milieu. Die Einzel- und Gruppentypen, die er rücksichtslos auseinanderriss und lachend wieder zusammenmontierte. Er inszenierte nach Herzenslust. Doch die Kriege in Afghanistan und im Irak sind heute andere Realitäten als das kulturbeflissene Bürgertum, das sich mit diffusen Gesprächen vor seinen Bildern versammelt. Der heilige Ernst vergangener Künste ist aufgebraucht. Inzwischen gibt es wieder Ninive, Babel, Sodom und Gomorrha, die Lust am Untergang. Und deshalb werden manche Betrachtungsdilettanten von seinen Bildern überfordert, überrannt, überwältigt. Seine Bilder sind Zustandsbeschreibungen. Protokolle. Introvertierte Emphatie. DAS AUFGLÜHEN VON SILHOUETTEN, MIT DENEN ER DAS VERSCHWINDEN VON MATERIE BEKLAGT. Er ist mitten drin und bleibt unterwegs. Weiter, immer weiter, aber wie endlos ist diese Weite?

Walter Aue, aus: East of East

 

Vita

Ulrich Klieber 1953 geboren in Göppingen 1973–1978 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Peters, Prof. Bachmayer und Prof. Sonderborg 1974–1977 Studium der Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart 1978–1979 Studium am Royal College of Art in London (Malerei) bei John Golding und Paul Huxley 1995–1996 Lehrauftrag an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle seit 1996 Professur an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle 2000 Gastprofessur an der University of Industrial Design Hanoi, Vietnam 2001 Prorektor an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle 2003–2010 Rektor ebenda 2004 Academy of Fine Arts, Tianjin, China 2010 Workshop am Hanoi College of Industrial Design/Fine Arts, Vietnam lebt in Halle, Adelberg und Murnau

Vita Ulrich Klieber (Download als PDF)

Vernissage zur Ausstellung “Ulrich Klieber – Malerei” am 14.04.2011

Zur Einführung sprachen:

  • Dr. Jens-Holger Göttner

    KUNST HALLE e.V.

  • Prof. Axel Müller-Schöll

    Rektor der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

  • Prof. Dr. Dieter Rudolf Knoell

    Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle