Stefanie Höllering – Peter Casagrande

Vom 7. Juni bis 23. Juli 2006


Stefanie Höllering – Peter Casagrande

Wenn eine Ausstellung wie die hier in der Kunsthalle Villa Kobe zwei Maler zusammenbringt, dann stellt sich für Außenstehende die Frage nach Beweggrund und Sinn dieser personalen Kombination. Stützte die sich nämlich lediglich auf einen Zufall, dann wäre sie durch nichts zu begründen. Im Fall von Stefanie Hoellering und Peter Casagrande ist die Kombination naheliegend und begründbar und ergibt infolgedessen – über Äußerlichkeiten hinaus – einen vielfältigen Sinn. Bei Hoellering/Casagrande liegen der Gemeinsamkeit, neben persönlichen Lebensstrecken, vor allem künstlerische Phänomene zugrunde, und diese Phänomene sollten erkennbar werden.

Wenn man durch die Ausstellung geht, vermittelt der erste Eindruck fundamentale Unterschiedlichkeiten in beiden Œuvres (so zumindest scheint es). Beim zweiten Blick offenbart sich bei diesen malenden Erzählkünstlern (denn das sind sie) als ausschlaggebend das enorme innere Gewicht, die Ausstrahlung ihrer Arbeiten. Dieses Gewicht dringt mit voller Wucht auf uns ein, und es lässt nicht ab von uns. Indem wir die Bilder fixieren, fixieren die Bilder in Gegenrichtung auch uns, und das wie unter einem magischen Zwang. Der Versuch, sich diesem Zwang zu entziehen, misslingt. Man wird von den Bildern beider Künstler, je länger desto mehr, gefordert und herausgefordert. Man merkt: Die Bilder besetzen uns. In Folge kommen wir nicht umhin, eine persönliche Nähe zu ihnen herstellen. Anders gesagt: wir müssen uns den Kunstobjekten stellen – geduldig, aufnahmebereit, unvoreingenommen, und dann vielleicht auch kritisch, wenn unser kognitives und kombinationstechnisches Instrumentarium, wenn Kenntnis und Erfahrungen die Voraussetzungen dafür hergeben.

Empathie, gegenüber künstlerischen Ausflüssen zu selten eingenommen, weil das Toleranz voraussetzt, wird eingefordert: man muss sich in den Gedankenkosmos der Bilder und damit in die Psyche ihrer Autoren hineinversetzen, hineinarbeiten wollen. Erst dann sind wir den Bildern gewachsen, beweisen uns als deren vorurteilsfreie Betrachter und können – vielleicht – zu deren Liebhabern werden. Das mag manchem bei Stefanie Hoellering und Peter Casagrande als schwer erscheinen. Und was ist der Grund dafür?

Jede Kunst entsteht und existiert aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Dementsprechend ist es notwendig, bei jeder Kunst, besonders aber bei heutiger, die diese Bezeichnung verdient, Nähe zu ihr herzustellen. Dies wird heute, wie wir zur Kenntnis nehmen müssen, oft zu wenig unterstützt: Die nur in den Randbereichen der öffentlichen Haushalte geführten Kulturetats werden von den oft nicht gerade kunstinteressierten Finanzspezialisten der Parlamente marginalisiert, und in den Schulen lassen Kunst- und Musikunterricht zu wünschen übrig. Kulturphilosophen und -soziologen halten seit langem dagegen und erklären die Existenz von Kunst in überzeugender Weise als so notwendig wie Krankenhäuser und Kindergärten. Wir wissen, dass sie Recht haben, weil nämlich Kultur ein Teil unserer aller Leben ist – ausdrücklich auch derer, die sich dessen nicht bewusst sind.

Kunst kann die Welt nicht verändern. Dafür kann sie anderes. Da sie sich durch Eigenschaften auszeichnet, die uns an sie binden und festhalten, kann sie, was einen Unterschied ausmacht, die Welt in uns verändern. Das widerfährt uns unbewusst und langnachwirkend. Es nützte nichts, wenn wir uns gegen diesen Veränderungsprozess sperren wollten – die Kunst wird uns unweigerlich folgen, weil sie unserem Gedächtnis eingeschrieben bleibt. Kunst prägt und bestimmt mithin die Gesellschaftlichkeit, den menschlichen Lebensraum, und die Kunst definiert sich gleichzeitig selbst durch diesen Vorgang. Sie erweist sich als ein politisches, ein gesellschaftspolitisches Element. Die hier ausgestellten Werke Stefanie Hoellerings und Peter Casagrandes erfüllen diese Voraussetzung in besonderer Weise. Was aber versetzt sie in die Lage, das zu leisten?

Betrachten wir die Bilder genauer! Die Stefanie Hoellerings sind ausnahmslos gegenständlich, und diese Gegenständlichkeit hat es in sich. Stefanie Hoellerings Bildwerke sind auch ohne Anlehnung an literarische Vorlagen literarisch. Die Malerin ist erfüllt gewesen von dem Zwang, von sich, von ihrem Leben, das nie einfach gewesen ist, zu erzählen und dabei uns und die Welt, in der wir leben, einzubeziehen. Stefanie Hoellerings Bilder sind, auf den knappsten Begriff gebracht, gemalte Prosa. Und wenn wir uns ihren Erzählungen annähern und öffnen, dann birst ihre Prosa vor einer ihr innewohnenden dramatischen, auch tragischen Kraft. Die Motive auf den Bildern muss man kaum erläutern, weil sie ziemlich klar zu Tage liegen. Trotzdem ein paar Stichworte! Wir sehen Landschaftliches in Hell und Dunkel, mit technischen Gerätschaften ausgestattet oder auch ohne diese; mit Figuren besetzt, die wie oft bei Hoellering in fast naiver Schematik zum Puppenhaften tendieren; wir sehen Situationen, in denen menschliche Körper und ihre Aktionen den Raum füllen; diese Körper stellen sich ungeschützt aus – mal selbstbewusst und stolz, dann wieder in rücksichtsloser, blanker Ausgesetztheit; oft sind diese Körper geschändet worden, oder deren Träger haben sich selbst verletzt. Diese Körperträger präsentieren sich wie Archetypen, mal in einer meist wohl nur vorgetäuschten positiven Pose oder mit den Verstümmelungen ihrer existentiellen Fleischlichkeit. Sie werden damit quasi zu Gedenkstücken ihrer selbst, zu Topoi verfestigte und bis in die Klischeehaftigkeit eingesenkte, eben nur noch wesenartige Erscheinungen. Das sind keine Teufel, keine Engel mehr, sondern nur noch Wesen, aufgeladen mit einer erschreckenden Bedeutung, wie in Aggregatzustände gepresste Materialisationen. Wir sehen bei Stefanie Hoellering auch Portrait-Versuche von international berühmten Musikern. Versuche sind und bleiben das deshalb, weil es bei ihnen nicht mehr um die Darstellung der Personen geht, sondern um die Musik, die hinter ihnen steht oder liegt oder klingt und deren Inbegriff sie verkörpern, für die sie im oft nur noch metaphysischen Sinn einstehen. Stefanie Hoellering hat in ihrem schweren, zu kurzen Leben ihren Gesprächspartnern oft Wohlbefinden vorgetäuscht. Sah man in ihre Bilder, entlarvten sich ihre Haltungen als Beschönigungsversuche. In ihrer Malerei hat sie nie lügen können. Da werden wir zu Zeugen von Träumen und Traumen, mit deren malerischer Gestaltung sie ihre Biographie bewältigen wollte. Um das zu schaffen, hat sie alle nur denkbare Fantasie aufgewendet, hat, was sie zum Ausdruck bringen wollte, in eine explosive Farbigkeit aus allen Abstufungen ihrer Palette getaucht und bis in eine destruktiv-energetische, manchmal sich zu verlieren scheinende Struktursprache vorangetrieben. In der Malerei wusste sie immer, was sie wollte. Was wir hier von ihr an den Wänden sehen, das war ihr Leben. Aber ist es nicht das Leben schlechthin, dem wir bei ihr begegnen?

Peter Casagrande malt ohne Annäherung an eine Gegenständlichkeit, er malt, wie man so sagt, abstrakt. Er braucht das große, am liebsten das ganz große Format, um beim Malprozess die Farbigkeit wie aus sich selbst entwickeln lassen zu können. Auch sein Elixier ist wie das Stefanie Hoellerings die Farbe. Über sie gebietet er souverän, er wirbelt sie, schüttet sie scheinbar improvisatorisch auf die Leinwand, aber er ordnet sie nach ihren Wertigkeiten, ihren Kontrasten, er erdenkt sich für sie Gruppierungen, Verläufe, Kumulationen, Räume. Farben sind für ihn wie Straßen. Sie kommen auf ihn zu, werden erprobt, gesichtet, ausgelotet, nehmen Gestalt an, aber – wie Casagrande sagt – sie bedeuten nichts, bedeuten zumindest, wie man zur Klärung dieses nihilistisch anmutenden Aspekts hinzufügen möchte, nichts Bestimmtes im Sinne von Realität und von anekdotischen Emotionen. Peter Casagrande entwickelt überwältigende, weil radikale Farblandschaften, aber er lässt nie eine bunte Farbigkeit, wie er das nennt, zu. Seine Farbigkeit tendiert, zumindest unausgesprochen, zur Monochromie. Das Erscheinungsbild seiner Malerei ist von Sachlichkeit beherrscht, um kontrollierbar zu bleiben. Aber es lässt in seiner Ausstrahlung niemals kalt, weil es jeden Anflug von Plakativität verbannt. Auch Peter Casagrande lügt in seiner Malerei niemals. Man sieht in seinen Bildern viel und vieles. Aber wie immer in der informellen Malerei bleibt es auch bei ihm belanglos und verfehlt den Sinn, individuelle optische Formulierungen bei der Betrachtung hineinlegen oder herauslesen zu wollen. Wolkengebirge, Katarakte, Wetterkatastrophen, Erdbewegungen auszumachen, ist nicht verboten, mag als Krückenfunktion nahe liegen, versimpelt aber die vom Maler intendierte Aussage. Es geht bei ihm um strukturalistische Gebilde, um Geraden, Kurvaturen, Ebenen, Häufungen, Schichten, Kombinationen und – nochmals – Räume, die er für uns öffnet. Dabei kann Aufregendes, Verwirrendes, Ausgleichendes, Beruhigendes, Harmoniebedürftiges, Aufrührerisches empfunden werden. Und sowieso besitzt jedes einzelne Bild Casagrandes einen Schwerpunkt, der sich nach einer gewissen Betrachtungszeit herauskristallisiert. Aber immer erst verhilft ein Geflecht von Strukturen seiner Malerei trotz ihrer inneren Bewegtheit zur Gestalt, gibt ihr Festigkeit, Beständigkeit. Es ist wohl wie in der Musik, die Peter Casagrande liebt: ihrer Lieblichkeit, Heftigkeit, Schönheit gilt die erste und oft nur vordergründige Aufmerksamkeit. Das kann und darf auch so sein. Aber die Siedepunkte der Musik und damit ihre Qualität teilt sich erst mit, wenn man sie entschlüsselt – mit Hilfe der Analyse, der formalen, strukturellen, harmonischen, klangfarblichen, artikulatorischen. Aber auch beim bloßen Anblick erschließen sich die Bilder Casagrandes – von Kompliziertheit der Rezeption kann da nicht die Rede sein. Den Farbstraßen zu folgen, ihre Proportionen zueinander ins Verhältnis zu bringen, den Einbruch neuer, in Form und Tönung wechselnder Elemente für das jeweilige Bild einzuschätzen, die dadurch sich ergebenden Störmomente oder Harmonisierungsanbahnungen zu erkennen und die Kombination aller Bestandteile zu einem Ganzen zu bewerten – das ist kaum schwierig, hilft bei der Zugänglichkeit zur Kunst Casagrandes und bedeutet vor allem die einzige Möglichkeit einer legitimen Begegnung mit diesen Bildern.

Und nun zurück zum Beginn! Ob die Verbindung der Maler Hoellering und Casagrande in einer Ausstellung sinnvoll sei und ob der Zugang zu ihren Arbeiten, ganz besonders im Sinne der von mir angesprochenen Gesellschaftlichkeit, die diese Bilder reflektieren, kompliziert sei – diese beiden Punkte scheinen indirekt, in Wirklichkeit sind sie deutlich behandelt. Obwohl die charakteristische Beschaffenheit und entsprechend der malerische Duktus beider Künstler diametral entgegengesetzt aufscheinen, stehen ihre Œuvres in einem Zusammenhang. Ich wage die Behauptung: bei beiden Künstlern findet Chaos-Bewältigung statt, bei Stefanie Hoellering biografisch-persönlich und allgemein, bei Peter Casagrande allgemein und – ja, wer will das wissen? – wahrscheinlich ebenfalls biografisch-persönlich. Jeder der beiden malt, was ihn bewegt, mit individueller Technik und in unterschiedlichen Intensitätsgraden. Beide bringen jede ihrer Arbeiten auf den Siedepunkt der Aussage. Hoellering und Casagrande, die ab 1982 bis kurz vor dem Tod Stefanies eine Künstlergemeinschaft bildeten und zwischenzeitlich auch in einer Lebenspartnerschaft verbunden waren, sich aber auch danach immer nahe geblieben sind – Hoellering und Casagrande sind malende Prosaisten. Sie erzählen uns von sich, und sie beziehen unsere Welt, die die ihre ist, und damit uns, mit ein. Das Abenteuer dieser aufregenden Kunst ist unser aller Abenteuer – heute. Nehmen wir es zur Kenntnis und – ja – genießen wir es!

Dr. Hanspeter Krellmann

München

 

Vernissage zur Ausstellung “Stefanie Höllering – Peter Casagrande”
am 07.06.2006

Zur Einführung sprachen:

  • Michael Kobe,
    KUNST HALLE e.V.
  • Dr. Hanspeter Krellmann,
    München