Konkrete Kunst – Einheit und Vielfalt

Vom 27. März bis zum 29. Juni 2003


Konkrete Kunst – Einheit und Vielfalt

In den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts als die Avantgardekunst verstanden, verbreitete sich Konkrete Kunst zusehends auf zahlreiche Spezialgebiete. Nach ihren „Erfindern“ ist diese Kunst eine reale Welt neben der Naturwelt. Die im Foyer stehende Plastik von Jo Niemeyer – in den Grundfarben rot, blau und gelb plus schwarz und in ihrer Struktur nach dem Goldenden Schnitt gebaut – präsentiert das Grundsätzliche der Konkreten Kunst.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Villa Kobe zeigt markante Themen. Beginnend beim Manifest der Konkreten Kunst von Wassily Kandinsky aus dem Jahre 1930 werden Kunstwerke aus verschiedenen zeitlichen Zusammenhängen und unterschiedliche Arbeitsweisen präsentiert. Der Gang durch die Ausstellung gleicht einem intensiven Studium dieser Kunstrichtung, die bis heute weit verbreitet und weltweit anerkannt ist.

Zu den in der Ausstellung vertretenen Künstlern gehören mit Hardy Rensch und Andreas Brandt zwei in Halle (Saale) geborene Künstler.

 

Beteiligte Künstler Karl Heinz Adler, Josef Albers, Horst Bartnig, Jakob Bill, Hartmut Böhm, Bob Bonies, Andreas Brandt, Hellmut Bruch, Walter Dexel, Rupprecht Geiger, Karl Gerster, Hansjörg Glattfelder, Hermann Glöckner, Zbigniew Gostomski, Camille Graeser, Timo Heimann, Thomas P. Kausel, Alfons Kunen, Alfons Lachauer, Josef Linschinger, Richard Paul Lohse, Heike Mayr, Manfred Mohr, Marcello Morandini, Francois Morellet, Tom Mosley, Ben Muthofer, Aurelie Nemours, Jo Niemeyer, Peter Staechelin, Hardy Rensch, Vera Röhm, Nelly Rudin, Diet Sayler, H. W. Twardzik, Günther Uecker, Hasso von Henninges, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Ludwig Wilding, Marylin Willis, Marcel, Wyss, Shizuko Yoshikawa

 

Eugen Gomringer über “Konkrete Kunst”

Kein Auftrag konnte für mich verlockender sein als der, den die Kunsthalle Villa Kobe mir anbot, eine Ausstellung über und mit „Konkreter Kunst“ zu gestalten. Doch die Vorstellung, was das bedeuten konnte, löste das Unternehmen je länger je mehr ins Mehrdimensionale auf. Es stellten sich Fragen ein wie: Gibt es nach bald hundert Jahren Konkreter Kunst noch immer eine Kunst, welche diesen Begriff verdient? Ist der Begriff nicht schon seit 50 Jahren obsolet? Hat sich nicht schon lange differenziert, was unter dem einstigen Kampfbegriff „konkret gegen abstrakt“ verstanden wurde? Und wenn man sich schließlich doch mit dem Begriff „Konkrete Kunst“ zufrieden geben konnte oder musste, der Begriff hatte sich nun einmal nach langen Kämpfen eingebürgert, wie also war das darzustellen, dieses ganz und gar aus dem einst gegebenen Rahmen Gefallene?Es gibt heute immer wieder gute integre Ausstellungen über Konkrete Kunst, die sich über Grundbegriffe der Gestaltung behelfen, z.B. über das Quadrat oder über die Diagonale. Solche Ausstellungen setzen eigentlich eine lange Reihe anderer Ausstellungen, überhaupt einen Konsens voraus. Es wird auch vorausgesetzt, dass man die Museen in Ingolstadt oder in Würzburg kennt, sich mit der Fülle des dort Gebotenen auseinander gesetzt hat. Wenn ja, dann können Spezialfälle noch und noch in Szene gesetzt werden. Doch da ist natürlich auch immer wieder die Frage im Raum: An wen wenden wir uns mit den Ausstellungen Konkreter Kunst? An die durch und durch Informierten, die gerne weiter schreiten wollen bis ins Immaterielle, oder sollten nicht gerade zeitgenössisch aufgeschlossene Menschen für diese einfache, authentische Kunst des 20. Jahrhunderts gewonnen werden? Man darf die Kenntnisse des Publikums weder unter- noch überschätzen. Wie hat doch gerade ein strenger Künstler wie Richard Paul Lohse Verständnis gezeigt für den Mann, der fünf oder sechs Tage hart arbeitet und dann am 7. Tag in eine Ausstellung seiner Werke gehen sollte. Wie konnte er seine Bilder verstehen, hat sich Lohse gefragt und bedauert, dass die Schere zwischen der Entwicklung der Kunst und der Künstler einerseits und dem Informationsstand des ungeschulten Besuchers andererseits immer wieder auseinander klaffen würde.Nun, ich habe als Lehrer und Didaktiker, der ich in Bezug auf Konkrete Kunst seit gut 50 Jahren bin, an dieses Wort gedacht. Es ergibt sich daraus die Frage: Soll mit einer Ausstellung, der immerhin gute 300 qm zur Verfügung gestellt sind, eine hinweisende Ausstellung gemacht werden, oder genügt es, sozusagen ein paar wuchtige konkrete Ereignisse vor Augen zu bringen und zu sagen: „Bitte, das ist Konkrete Kunst.“? Ich habe den Begriff „Konkrete Kunst“ aufgegriffen, wie er 1930 durch das berühmte Manifest von Paris inauguriert worden war. Ich habe die markanten Aussagen von Kandinsky, Max Bill, Hans Arp und Richard Paul Lohse, die ich vor Jahren schon für das Ingolstädter Museum zusammengestellt hatte, wieder verwenden wollen. Der neutrale Besucher kann mit diesen Statements Fühlung aufnehmen – es war geplant, dass die Texte nicht zu übersehen sein sollten – und so von Raum zu Raum gehen.Zur Verfügung stehen in der Kunsthalle Villa Kobe acht separate Räume. Das verlockte mich zu acht unterschiedlichen Themen, anhand derer Konkrete Kunst diskutiert werden kann. Ich habe die Räume im Uhrzeigersinn von eins bis acht nummeriert, was aber nicht heißt, dass man die Räume unbedingt auch in dieser Reihenfolge zu besuchen hätte. Schließlich ist die Ausstellung selbstverständlich auch für Quergänge offen. Es wird also eingangs mit der Skulptur von Niemeyer das Grundthema der harmonischen Teilung oder des Goldenen Schnitts vor Augen gestellt, womit daran erinnert wird, dass die harmonische Teilung uns alle miteinander verbindet, dass sie ein geheimnisvolles und dennoch klares Prinzip von Natur und Kunst ist, dass sie ein Maßsystem ist, von dem Albert Einstein sagte, dass es das Schlechte schwierig und das Gute leicht mache.Im ersten Saal wird mit den Worten von Kandinsky noch einmal das grundsätzliche Anderssein der Konkreten Kunst demonstriert. Anstelle älterer Werke, die bekanntlich nur unter erschwerten Bedingungen die Museen verlassen dürfen, wird mit drei ganz unterschiedlichen Werken – darunter eine Arbeit von Hardy Rensch, dem gebürtigen Hallenser – ausgesagt, dass kubische Gestaltung und methodischer Bildaufbau, auch in der Skulptur, keine Abstraktionen sind, sondern Realitäten des Konkreten.Die Arbeiten von Hermann Glöckner, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Walter Dexel und Karl Heinz Adler im zweiten Raum stehen stellvertretend für frühe Probleme der Gestaltung mit den konkreten Mitteln. Gerne hätten wir hier auch noch Arbeiten von Josef Albers gezeigt – allein, sorgsam behütete Grafiken heutzutage zu leihen ist ein schwieriges Geschäft. Es soll in diesem Raum, dessen frühestes Werk das von Vordemberge aus dem Jahr 1934 ist, an Grundprobleme der Linie und der Fläche und – durch Glöckner – an die dauernd offene Erfindungslust der Konkreten Kunst erinnert werden. Das Modell einer linearen Großplastik von Alfons Kunen setzt diese Lust ins Geometrisch-Mathematische fort.Fortschreitend zum Raum drei begegnet man mit Arbeiten von Lohse, Graeser, Jakob Bill, Hansjörg Glattfelder und Nelly Rudin der Phalanx der Schweizer Konkreten und zwar in zwei Generationen. Wie in jeder Abteilung fehlen auch hier noch verdiente Namen und Werke, aber nicht zuletzt waren es auch Platzgründe die einen Verzicht auferlegten. In der Schweiz hatte sich die Konkrete Kunst bekanntlich während der Zeit der sogenannten „Entarteten Kunst“ weiter entwickelt. Max Bill, der wichtige Fortsetzer, der Pionier- und Bauhauskünstler und universale Geist, ist wenigstens mit einer seiner wichtigen theoretischen Aussagen vertreten. Hinzu genommen wurde grenzüberschreitend die Doppelskulptur von Twardzik aus München, die auch in Zürich hätte entstehen können. Hier bei den Schweizern wird gut ersichtlich, wie sich durch die jüngere Generation von Nelly Rudin, Hansjörg Glattfelder und Jakob Bill der Problemkreis Konkreter Kunst erweiterte.Über das Foyer hinweg eröffnet sich im Raum vier das internationale Feld der Konkreten Kunst. Auch hier sind es einige berühmte Proben aus verschiedenen Ländern, so Arbeiten von Aurelie Nemours und Francois Morellet aus Frankreich, Marcello Morandini aus Italien, Zbigniew Gostomski aus Polen, Bob Bonies aus den Niederlanden, Josef Linschinger aus Österreich und Horst Bartnig aus Berlin. Die Skulptur stammt von Heike Mayr aus Augsburg. Ein Text von Richard Paul Lohse setzt hier Zeichen einer weiteren Öffnung.Im anschließenden Raum 5 wird der sich langsam festigende Rahmen der Konkreten Kunst bewusst überschritten So hat Diet Sayler sich explizit von jeder orthodoxen Auffassung losgelöst und – bleibend im Konstruktiven – eigene formale Lösungen gefunden. Günther Uecker ist mit einem interessanten Nagelbild vertreten, womit natürlich an den eigenständigen Beitrag von Zero gedacht wird. Im Raum steht eine der „Ergänzungen“ von Vera Röhm in schlichter Form, ihre Erfindung der Verbindung von abgebrochenem Holz und ergänzendem Plexiglas jedoch bestens demonstrierend. Grenzüberschreitend im Material ist auch die Arbeit von Hellmut Bruch. Er hat die Lichtsammelfolie als Material für strenge geometrische Formen auf der Basis der Fibonacci-Reihe entdeckt. Ein weiteres Beispiel von Bruch ist außerhalb der Villa Kobe gerade gegenüber dem Eingang zu sehen.Dann lenkt ein Werk in sieben Teilen, die sogenannten „Marburger 7“ von Timo Heimann die Treppe hoch und kündigt und leitet mit einer steigenden Linie in den Raum sechs, der der Farbe gewidmet ist, und zwar der „Farbe elementar“. Was das heißt, wird mit den Werken von Hasso von Henninges, Thomas P. Kausel und Alfons Lachauer deutlich gemacht, in denen die Farbe eindeutig die führende Rolle bei der Bildgestaltung bzw. beim Bilddenken spielt. Ein Werk von Rupprecht Geiger, an dessen Werk in Deutschland leider viel zu viel vorbeigeht, sollte da nicht fehlen. Im kleineren Saal Nr. sieben folgen weitere Grenzüberschreitungen. Hier geht es nicht in erster Linie um formale und materiale Überschreitungen, sondern um solche, welche die normale und übliche Sinneswahrnehmung auf die Probe stellen. Ausgewählt wurden Werke von Ludwig Wilding, Manfred Mohr, Marylin Willis und Tom Mosley. Sie zeigen Irritationen, die unfassbare Tiefeneffekte erzielen, welche konstruktiv die drei Dimensionen unserer Vorstellung überfordern, die durch Summierung von kleinen Strichen die Fassbarkeit des gerne reduktiv arbeitenden Wahrnehmungsapparats weit übersteigen und ein anderes Feststellungsvermögen erfordern. Sie demonstrieren auf einfache Weise, wie uns Licht und Schatten überall begleiten.Zum Schluss gelangt man in den großen Saal, die Nr. acht, und hier sind Werke versammelt, die ich als „Konkretes Meditieren“ bezeichne. Ein Werk von Josef Albers aus der langen Reihe der „Hommage to the Square“ („Ehrung des Quadrats“) ist sicherlich ein Leitbild dieser Funktion Konkreter Kunst. Aber auch das streng symmetrische Werk von Karl Gerstner, der „Altar“, zählt dazu, ebenso das zur Meditation veranlassende unerhört einfache Bild von Andreas Brandt, der übrigens ebenso wie Hardy Rensch in Halle zur Welt kam. Nur auf die Beziehung von zwei kleinen Quadraten in einem raumfüllenden Grau verlässt sich Peter Staechelin. Konkrete Meditation in mehreren Tiefen suggeriert ein Bild von der in Zürich lebenden Japanerin Shizuko Yoshikawa. Zur Helligkeit in Gefühl und Gedanken verführt schließlich das große leuchtende Format von Karl Heinz Adler.Zum Meditieren verleitet ganz bestimmt die Bodenskulptur von Hartmut Böhm. Sie besteht aus gleichen Teilen von Stahlbalken, die man kennt und denen man in ihrer normalen Gebrauchsfunktion schon häufig begegnete. Aber hier in der Funktion eines ästhetischen Objekts, geordnet in den möglichen Kombinationen werden sie – nach einer Definition von Max Bill – zu Gegenständen für den geistigen Gebrauch. Dieses Objekt von Hartmut Böhm ist ein Beweis für eine Regel, dass Gegenstände und Prozesse in der Hand von Künstlern in eine neue Funktion überführt werden können.Meine Damen und Herren, dieser Rundgang durch 8 Räume möchte auch ein Rundgang mit unterschiedlichen Perspektiven und Aperspektiven konkreter Gestaltung beinhalten, alles in zahlenmäßiger Beschränkung gedacht und da und dort gewiss auch austauschbar. Wenn uns jemand bestätigt, dass Konkrete Kunst die Sinne anspricht und dabei verfeinert, geistig aber auch anspruchsvoll sei und spannend in der Abwechslung – dann erfüllt die Ausstellung bereits einen ersten Zweck.Nun bitte ich Sie nur noch, meine Damen und Herren, sich in Gedanken einen ganz leeren Raum vorzustellen, ihn gleichsam den 8 Räumen anzugliedern und ihn dann mit eigenen Ideen zu bestücken als imaginäre Fortsetzung unserer Ausstellung -– jedoch in Maßen, überlegt und positiv, wie es Konkrete Kunst ist.

 

Vernissage zur Ausstellung “Konkrete Kunst – Einheit und Vielfalt”
am 14.04.2011

Zur Einführung sprach:

  • Prof. Eugen Gomringer,
    Kurator der Ausstellung