Jens Titus Freitag – Wintermärchenmaschine III

Vom 29. Juni bis 22. Juli 2001


Wintermärchenmaschine III

Jens Titus Freitag besitzt einen alten unförmigen Mercedes Kastenwagen. Das Automobil hat ein kleines Loch in der rechten Seitenwand. Das Automobil mit dem Loch in der Wand ist eine Maschine, mit der Zeit eingefangen wird. Im Inneren des Kastens wird auf der linken Wand ein großes Photopapier befestigt. Wenn der Verschluss von dem kleinen Loch entfernt ist, und Licht in den Kasten fällt, lässt Jens Titus Freitag das Auto einfach stehen. Die Maschine wird dann in Ruhe gelassen, sie arbeitet stundenlang. Ihre Arbeit heißt Ignoranz. Alles was sich schnell bewegt, wird getilgt aus der Zeit. Alles Langsame hinterlässt bloß Schatten. Nur was sich nicht rührt, das bleibt, es erstarrt und wird scharfkantig. Schatten werden Licht, rechts wird links. Der Kasten ist ein langsames, müdes Gerät, das Schwarz und Weiß vertauscht.

Ist das belichtete Papier entwickelt, hat sich der helle Tag in eine nächtliche Winterlandschaft verwandelt. Die Camera obscura ist eine Wintermärchenmaschine. Selbst die zweifelhafteste Architektur verzaubert sie zu in Frost erstarrten Glashäusern. Der Parkplatz vor einem Supermarkt liegt da in der Melancholie einer langen stillen Winternacht. Alles wirkt zerbrechlich wie Glas. Es sind Bilder, in denen man sucht. Die Details haben magische Wirkung. Die Schatten besitzen einen Tiefensog. Man sieht all die Dinge, alle Strukturen klar und hell, die sonst im Dunkeln verborgen sind. Das Alltägliche wird fremd. Freitags Arbeiten haben die Ruhe und Statik der ersten Photographien aus dem neunzehnten Jahrhundert, sie zeigen eine menschenleere Stille.

Es ist der Blick aus dem Guckloch einer Zeitmaschine, wenn mit einer hoffnungslos veralteten Technik auf unsere Gegenwart geschaut wird. Selbst solch komplizierte Sachverhalte, wie die Krümmung des Raumes, werden sichtbar, wenn das Photopapier im Inneren des Kastens an die Decke gebogen wird. Seine Tretroller sind Bilder von Geisterspielzeug. Sie gleichen Röntgenaufnahmen. Da ist die Camera obscura nicht nur eine Nachahmung des menschlichen Auges, die Dunkelkammer simuliert Gedächtnis.

Rüdiger Giebler

 

Skulpturen im Raum

Die Ausstellung der von Jens Titus Freitag mit einer aussergewöhnlichen camera obscura aufgenommenen Bilder wird ergänzt durch die im Raum stehenden Skulpturen von drei in der Region Halle/Leipzig bekannten Künstlern, die hier mit dem im Saarland wohnenden Jens Titus Freitag eine Ausstellungsgemeinschaft bilden: Hagen Bäcker, Mario Schott und Jan Viecenz.

Bis in das Foyer und die Nachbarräume erstreckt sich die im Erker stehende Atemmaschine von Jan Viecenz. In gewohnter Regelmäßigkeit öffnen und schließen sich acht Luftbeutel. Auch “Mars” dreht sich langsam um die Achse und bindet die Betrachter ob seiner Kleinteiligkeit in den Bann. Im Obergeschoss arbeitet die Maschine von Mario Schott. Alle 20 Minuten wendet sich das Blatt und die hängenden Seiten fallen mit sichtbarem Geräusch hinab. Im Großen Saal im Obergeschoss stehen zahlreiche Glasobjekte von Hagen Bäcker. Man sieht den durchsichtigen Skulpturen an, dass sie aus der Hand eines Metallplastiker stammen und erinnert sich zugleich der kürzlich noch dort befindlichen Keramiken in ähnlicher Formensprache.

Dr. Ronald Kunze KUNST HALLE e. V.

 

Vita Jens Titus Freitag (Download als PDF) Vita Jan Viecenz (Download als PDF)

Vernissage zur Ausstellung “Wintermärchenmaschine III”
am 29.06.2001

Zur Einführung sprachen:

  • Michael Kobe,
    Vorstand KUNST HALLE e.V.
  • Rüdiger Giebler,
    Künstler, Halle (Saale)
    zum Werk von Jens Titus Freitag