Gilles Aillaud – Tiere in Gefangenschaft

Vom 13. Oktober bis 20. November 2005


Gilles Aillaud – Tiere in Gefangenschaft

Der 1928 in Paris geborene und im März dieses Jahres verstorbene Gilles Aillaud hat fünf Jahrzehnte lang ein bemerkenswertes und eigenartiges malerisches und graphisches Oeuvre geschaffen, das fast ausschließlich aus Darstellungen von Tieren in zoologischen Gärten und aus Landschaftsdarstellungen besteht. Seine Malerei wird, ohne dass man sie auf irgendeine Bewegung reduzieren könnte, dem vielgesichtigen Wiederaufleben der Figuration in den 60er Jahren zugeordnet, der Zeit der Pop Art, des Hyperrealismus sowie der narrativen Figuration. Seine Werke werden übrigens mit der letztgenannten, sehr heterogenen Strömung in Verbindung gebracht, der Künstler wie der Spanier Eduardo Arroyo und der Italiener Antonio Recalcati – mit dem Aillaud im Kollektiv Bilder schuf – der aber auch der Chilene Roberto Matta, der Deutsche Peter Klasen oder der Isländer Gudmundur Erro zugehörten.

Aillauds Werk, das bereits 1971 im Rahmen einer ersten Retrospektive im Musée d’art moderne de la Ville de Paris gezeigt und 1976 bei der Venezianer Biennale vorgestallt wurde, erfuhr kürzlich mehrere weitere wichtige Retrospektiven: 1991 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia von Madrid, 1998 im Zentralinstitut der schönen Künste von Peking und 2005 im Nationalmuseum für Geschichte und Kunst des Großherzogtums Luxemburg. Daneben wurde Aillaud im Laufe der letzten dreißig Jahre zu einem der bedeutendsten Bühnenbildner des zeitgenössischen Theaters, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, wo er bereits 1974 an der Berliner Schaubühne zusammen mit Arroyo die Bühnenbilder von Euripides’ Bacchantinnen in der Inszenierung von Klaus Michael Grüber entwarf. Aillaud selbst hat zwei Theaterstücke geschrieben, „Vermeer und Spinoza“ (1984) und „Le masque de Robespierre“ (Die Maske des Robespierre) (1996), sowie eine bemerkenswerte Monographie Vermeers mit dem Titel „Voir sans être vu“ (Sehen, ohne gesehen zu werden) die 1985 in Paris im Verlag Editions Hazan erschienen ist. Tatsächlich nahm im Leben dieses ehemaligen Philosophiestudenten das Schreiben einen wichtigen Platz ein: In den 60er Jahren widmete er bereits Texte sowohl seiner eigenen Malerei als auch seinen kritischen Ansichten, Anfang der 70er Jahre gründete er die Zeitschrift „Rebelote“, und 1980 veröffentlichte er sogar beim Berliner Alpheus-Verlag eine zweisprachige Ausgabe seiner Gedichte unter dem Titel „Œuvres complètes“ (Gesamtwerk). Wenn man zu dieser Berliner Veröffentlichung seiner Gedichte seine regelmäßige Zusammenarbeit mit Grüber und der Schaubühne hinzurechnet, sowie seine zahlreichen Bühnenbilder für Stücke von Heiner Müller, Brecht, Goethe oder Büchner, kann man sagen, dass Aillauds intellektuelle und künstlerische Bindungen an Deutschland immer sehr intensiv gewesen sind. Sein malerisches Werk wurde jedoch bisher nie in Deutschland gezeigt. Hier in Halle bekommen wir nun die Gelegenheit, dessen Strömung und Komplexität, Reichtum und Großzügigkeit, Strenge und Freiheit aus der Nähe zu betrachten.

Seit seiner Adoleszenz, in der er regelmäßig Tiere im Naturgeschichtlichen Museum von Paris zeichnen ging, interessierte sich Gilles Aillaud leidenschaftlich für die Welt der Tiere; Tiere allerdings, die sich niemals in ihrem natürlichen Umfeld befanden, da er sie ausschließlich in Zoogehegen aufsuchte und beobachtete. Tatsächlich stellt Aillaud weniger die Tiere als solche dar, als vielmehr ihr Verhältnis zu den zu ihrer Behausung und gleichzeitigen Zurschaustellung konzipierten Räumen. Demzufolge kann man ihn nicht als Tiermaler bezeichnen, seine Darstellungen besitzen nicht die Eigenschaften individualisierter, isolierter und detaillierter „Porträts“: All die Affen, Elefanten, Schlangen oder Nilpferde werden nur als gleichsam begriffliche Spezies dargestellt, deren Bewegungen im – und deren Verhältnis zum – Raum auf synthetische Art dargestellt wird. Seine Bilder besitzen auch keinen dokumentarischen Wert über die von ihm besuchten und dargestellten Zoos, auch die Orte werden in den Titeln nie angegeben. Überdies wird, selbst bei relativ weitem Blickwinkel, der Lebensraum dieser Tiere niemals in seiner Gesamtheit dargestellt, auch kaum etwas von seinem unmittelbarem Umfeld (Stücke vom Geländer, ein wenig Blattwerk oder Himmel, die zoologische Beschreibungstafel). Aillaud beschränkt so die Aussage eines jeden Bildes auf das eigentliche Verhältnis des Tieres zu seinem Lebensraum, wie, zum Beispiel, in den zwei Nilpferde darstellenden Werken (1970 und 1971).

Rede zur Ausstellungseröffnung am 13.10.05 durch Michael Hasenclever

Die Vernissage zur Ausstellung “Gilles Aillaud – Tiere in Gefangenschaft”
am 13.10.2005

Zur Einführung sprachen:

  • Wolfgang Böhm,
    Staatssekretär,
    Kultusministerium Land Sachsen-Anhalt
  • Michael Hasenclever,
    Galerie Hasenclever, München