Des Menschen Maaß

Vom 14. Juni bis zum 26. August 2007


Des Menschen Maaß –
Outsider Art der Sammlung atelier hpca


Konzept und Grundlagen der Ausstellung

I. Allgemein

Die so genannte Outsider Art erfreut sich einer seit Jahren konstant zunehmenden Aufmerksamkeit durch ein breiter werdendes Kunstpublikum. Die Produktion von Künstlern ohne kulturelle Anbindung, akademische Ausbildung und zu allermeist Betroffene von intellektueller (sog. geistiger) und psychischer Behinderung stellt unzweifelhaft eine Bereicherung des Kunstgeschehens dar und hat großen Anteil an der „Erweiterung des Kunstbegriffs“ während der letzten Jahren.

Die anschauliche Wahrnehmung dieses künstlerischen Phänomens bleibt kulturell gleichwohl meist auf wenige Einzelaspekte beschränkt und soll deshalb in dieser Ausstellung aus der Breite seiner Erscheinungsformen heraus eine Vertiefung in Hinsicht auf eine spezifische Ästhetik der Außenseiterkunst erfahren. Wie in der Titelformulierung „des Menschen Maaß“ bereits angedeutet, handelt es sich bei einer solchen „Ästhetik der Outsider Art“ letztlich jedoch um die Ausformungen einer sehr basalen menschlichen Kreativität, die kulturell lediglich in den Hintergrund, bzw. in Vergessenheit geraten ist.

Museale Ausstellungen in der Vergangenheit haben zumeist ein monografisch ausgewähltes Spektrum aus dieser Produktion herausgegriffen und einzelne Positionen vorgestellt (Elke Zweckers, Kunsthalle Karlsruhe; Die Schlumper, Hamburger Kunsthalle). Die vorliegende Ausstellung will – ähnlich wie bereits die Ausstellung Euward des gleichen Kurators – in der Vielzahl und Parallelität der Ausdrucksformen versuchen, ein durchgängiges Moment und Charakteristikum dieser Form(en) von Kunst sichtbar zu machen.

II. Zielsetzung

Kennzeichnend für die so genannten Outsider-Künstler sind ihre ausgeprägt individuellen Stile und ihre entsprechend stark individualisierten (oft ritualisierten) künstlerischen Techniken und Bildformen. Da sich ihr Schaffen an keine anderen, aktuellen oder historischen, Ausdrucksformen der Kunst anlehnt, bzw. nicht auf deren tradierte Formen und Werke referiert, hat sich zu ihrer Beschreibung der Begriff der „außerkulturellen Kunst“ (oder kurz „Outsider Art“) als allgemeiner Ausdruck ihres schöpferischen Andersseins eingebürgert.

Dieses Outsidertum ist zugleich Ausdruck einer hermetisch auf das eigene Individuum und die, meist biografisch bedingt, eingenommenen Sprachformen gerichteten Kunst. Zugleich appelliert die mit dieser Reduzierung auf diese „eine“ Sprache erreichbare Intensivierung der Bilder stark an die Sinnlichkeit der Betrachter. Vergleichbar vieler zeitgenössischer Kunst, aber sicher noch stärker als diese, fordert sie das inhaltliche Verstehen heraus. Ansatz des Ausstellungsprojektes ist es damit, die inhaltliche Dimension der Bilder aus ihren rein formalen Qualitäten zu erschließen.

Es ist das Ziel der Ausstellung, den Blick zunächst deutlich und nachhaltig auf diese individualisierten Bildformen zu lenken und ihren, durch den Schaffensprozess bedingten, bzw. darin generierten inhaltlichen Sinn, transparent zumachen. Das kann in der hier vorgesehenen Gegenüberstellung verschiedener künstlerischer Positionen und Bildgruppen gelingen.

III. Präsentation Gliederung

Die Bandbreite der in der Ausstellung gezeigten künstlerischen Stile reicht vom gestisch motivierten (ungegenständlichen) Ausdruck, über die primär optisch strukturierende, hin zu einer figürlich- gegenständlichen Malerei und Zeichnung in verschiedener Nuancen. Diese äußerlich als „Stile“ erkennbare Gestaltungsweisen repräsentieren, nach Auffassung der Ausstellung, nichts weniger als Zugangsweisen zur Fläche – der Fläche als der ursprünglichen, genuinen Aufgabe der Repräsentanz im Bild. Die Fläche übernimmt daher alle Eigenschaften des primären Ausdrucksträgers.

Die dominante Flächigkeit der Bildauffassung ist allen gezeigten Positionen gemeinsam. Aus der reinen Fläche entwickeln sich auch diejenigen Gestaltungsweisen, die dann auf gegenständlicher, und damit überwiegend inhaltlicher Ebene kommunizieren. Um den Blick des Betrachters zu öffnen und zurückzuführen auf die ursprüngliche Bedeutung von Flächengestaltung, in der auch beim inhaltsbetonten Bild der Schlüssel zur Interpretation der Gestaltung liegt, gliedert sich die Ausstellung in fünf Gruppen. Die Gruppen sind wie nachfolgend (skizzenhaft) thematisch beschrieben und durch je zwei bis drei Werkgruppen besetzt. Sie werden in der Ausstellung noch didaktisch weiter ausgeführt.

Gruppe 1:
Phänomene der Flächenbemächtigung aus der Bewegung

Gruppe 2:
Zeichen- Schrift-Rudimente und ihr Kosmos der Ornamentalen Ordnung

Gruppe 3:
Die Figuration als Fluchtraum des Emotionalen

Gruppe 4:
Die Aneignung des Realen

Gruppe 5:
Das Bild als Stellvertreter

VI. Die aktuellen Bezüge

Der Titel – und Anlass – der Ausstellung nimmt, unter Rückgriff auf ein Zitat aus dem Spätwerk des psychisch erkrankten Friedrich Hölderlin (in dessen originaler Schreibweise), eine zugespitzte Fragestellung vor: Was ist menschlich? D.h., welches sind oder bleiben die Maßstäbe des Menschlichen unter den möglicherweise extremen Bedingungen seiner Existenz. Zu dieser Frage mag vielleicht jedes gute Kunstwerk den Betrachter bewegen: angesichts dieser Kunst stellt sie sich – oder sie darf gestellt werden – jedoch in einem viel grundsätzlicheren Sinne. Unter dem Aspekt einer durch die partielle (intellektuelle) Einschränkung und Behinderung geprägten Welterfahrung drängt sich im eigenen Selbstverständnis des Betrachters die Frage nach dem gemeinsamen Nenner des Ausdrucks von Erfahrungen auf. Die Ausstellung antwortet darauf mit einem ’Feuerwerk’ der malerischen und grafischen Unmittelbarkeit: sie öffnet die geistige Dimension von ungefilterter, (ungebrochener) Kreativität. Das von jeder kulturellen Konventionen befreite Schöpfertum wird als ein solches transparent und vermag möglicherweise dem Bildnerischen eine neue, eigene Funktion zu geben.

Behinderte – geistig behinderte – Künstler (wie der erkrankte Dichter – s.o) eröffnen in ihrem Werk eine Tiefe des geistig-kreativen Vermögens, dessen Qualität man zunächst geradezu ’übersehen’ möchte, weil man es a) hier nicht erwarten würde, und auch, weil es b) sich viel eher spielerisch-selbstbezogen als fordernd – eher beiläufig als intellektuell anspruchsvoll – im Auftritt gibt.

Damit umso mehr fordert die offensichtlich unreflektierte Kreativität der Bilder von intellektuell behinderten Künstlern ein aktuell ungeklärtes Verständnis des Kreativen heraus. Das ursprünglich Schöpferische ist die ebenso menschliche wie tatsächlich unbewältigte (inkommensurable) Macht des Menschen, mittels der er sich im Schaffensprozess selbst zu übersteigen und – im Bild – zu überleben vermag. Dabei legen die Outsider Bilder in der formalen Gestaltung gerade diesen Aspekt von bildender Kunst frei.

Klaus Mecherlein Oberschleißheim und München Juli/September 2006

Link:
www.atelier-hpca.de

 

Vernissage zur Ausstellung “Des Menschen Maaß”
am 14.07.2007

Zur Einführung sprachen:

  • Dr. Jens-Holger Göttner,
    KUNST HALLE e.V.
  • Klaus Mecherlein,
    Leiter des atelier hpca
  • Prof. Dr. Christiane Dienel,
    Staatssekretärin des Ministeriums für Gesundheit und Soziales,
    des Landes Sachsen-Anhalt