Christoph Bouet | Gert Kiermeyer – Helen-Abbott-Preisträger 2003

Vom 30. September bis 24. Oktober 2004


HELEN-ABOTT-FÖRDERPREIS

Der Helen-Abbott-Förderpreis ist die private Initiative eines Mäzens, dessen Ziel die Förderung traditioneller gegenständlicher Kunst ist. Der Förderpreis bezieht sich auf Malerei, Grafik, Bildhauerei und Fotografie.

Ein in New York lebender Kunstliebhaber hat aus anhaltender Freude über die Wiedervereinigung Deutschlands den Förderpreis im Jahre 1996 ins Leben gerufen und dabei festgelegt, diesen Peis jedes Jahr in einem anderen Bundesland zu vergeben.

Erst später bekam der bis dahin unbenannte Preis einen Namen: Helen-Abbott-Förderpreis. Wer war oder ist Helen Abbott? Bei jeder Verleihung wird diese Frage neue gestellt und beantwortet: Es war die Großmutter mütterlicherseits des Mäzens, der selbst anonym bleiben möchte.

Die Preisträger werden nach eingehender Vorarbeit der Moderation in Deutschland von dem Stifter persönlich ausgewählt. Sein Hauptanliegen ist die Förderung gegenständlicher Darstellungsweisen. Dabei legt er großen Wert auf die Beherrschung des künstlerischen Handwerks. Eine positive Gesamtleistung ist ein weiteres Auswahlkriterium.

Der Helen-Abbott-Förderpreis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird zur gleichen Teilen an zwei Künstler vergeben. Die Absicht des Mäzens ist es, zwei Künstlern Gelegenheit zu geben, sich für ein Jahr ungehindert mit einem Projekt ihrer Wahl zu beschäftigen und diese Projekt ein Jahr später in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die Arbeitsergebnisse der beiden sachsen-anhaltinischen Preisträger des Jahres 2003, Christop Bouet und Gert Kiermeyer werden am 30. September bis 24. Oktober 2004 in der Kunsthalle Villa Kobe präsentiert.

 

Die bisherigen Preisträger sind:

1996 Sabine Curio und Joachim John (Mecklenburg-Vorpommern) 1997 Rainer Ehrt und Anton Spohn (Brandenburg) 1998 Helmut Kunde und Kai Quedens (Schleswig Holstein) 1999 Gunter Herrmann und Michael Triegel (Sachsen) 2000 Ulrich Wüst und Rolf Lindemann (Berlin) 2001 Christiane Horn und Harry Meyer (Bayern) 2002 (Thüringen) 2003 Christoph Bouet und Gert Kiermeyer (Sachsen-Anhalt) 2004 Katharina Sickert (Niedersachsen) 2005 wird der Preis in Nordrhein-Westfalen vergeben

 

Gert Kiermeyer – Christoph Bouet

Bei dem Helen-Abbot-Preis handelt es sich um eine ungewöhnlichen Künstlerförderung, die aus Freude über die Wiedervereinigung Deutschlands nach der Wende von einem anonymen Mäzen aus den USA initiiert wurde. Betrachtet man die mittlerweile 14 Preisträger, jährlich zwei Künstler aus einem anderen Bundesland, so offenbart die Auswahl eine Offenheit gegenüber gegenständlicher Kunst, die neugierig macht.

Im Jahr 2003 wurde der Helen-Abbott-Preis in Sachsen-Anhalt vergeben, an den Maler Christoph Bouet und den Photographen Gert Kiermeyer. Zum Preis gehört quasi als Beleg für das erfolgreiche künstlerische Schaffen eine Ausstellung.

Zunächst ist man versucht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei beiden Künstlern zu finden oder gar nach den verschiedenen Realismusauffassungen zu forschen, doch das scheint müßig und wenig ergiebig. Das Gemeinsame ist der Preis, der beiden Künstlern die Möglichkeit bietet, sich eine Zeit lang ganz der künstlerischen Arbeit zu widmen. In diesem Sinne möchte ich die verschiedenen Wege oder Phasen skizzieren, die beide in diesem Jahr ganz individuell beschritten haben, um Neues zu wagen oder an Altem anzuknüpfen, kurz sich weiter zu entwickeln.

 

„Späte Bilder vom Volkseigentum“

Gert Kiermeyer ist in Merseburg, Halle-Neustadt und Wismar aufgewachsen. Neben diversen Tätigkeiten u.a. als Kamera-Assistent bei der DEFA begann er 1988 Fotografie-Unterricht bei Ali Fruck in Berlin zu nehmen. Seit 1989 arbeitet er als Fotograf am Opernhaus in Halle. Der Helen-Abbott-Preis kam für ihn unvermutet und hat ihn quasi gezwungen – sich im letzten Jahr wieder verstärkt der Schwarz- Weiß-Fotografie zuzuwenden.

Anders als bei seinem letzten Schwarz-Weiß Projekt, das eine geschlossene Atmosphäre, den Verfall der Buna-Werke in Schkopau zeigte, bindet er sich diesmal nicht an einen Ort. Nicht mehr die morbide Stimmung mit ihrer ganz eigenen Ästhetik einer verlassenen, noch vor kurzem funktionierenden Arbeitswelt mit eingestaubter Technik, leeren Räumen, die von Pflanzen in Beschlag genommen werden und Geräten, die als verstummte Zeugen von ehemals brodelnder Aktivität fungieren, nicht mehr diese Monumente, die uns an Vergangenes erinnern, machen das Wesentliche seiner Fotografien aus.

Die neuen Fotos sind sachlicher, thematisieren nicht mehr allein einen Zustand extremer Veränderungen und Vergänglichkeit. Nach dem Titel seiner Ausstellung: „Späte Bilder vom Volkseigentum“ könnten seine Bilder von einer verlorenen Welt des Ostens, von dem unwiderruflichen Verlust einer eigenen Identität erzählen. Sie könnten von unvermuteten Ähnlichkeiten in Ost und West berichten, vom östlich anmutenden Verfall des Westens oder der Konfrontation des Ostens mit dem Westen. Der Titel der Ausstellung gibt nur den Ausgangspunkt preis. Die Themen jedoch sind örtlich unbegrenzt und führen den Betrachter zur Überprüfung seiner eigenen Sichtweisen.

Was hat Gert Kiermeyer aufgespürt? Was findet der Betrachter? Zunächst sind es ganz unterschiedliche Themen. Bei vielen Fotografien fallen die einzelnen Gegenstände auf, die zentral ins Bild gerückt sind und den Betrachter gefangen nehmen: Ein traktorähnliches Gefährt in ländlicher Idylle, dessen Räder aus Dampfwalzen bestehen und dem Erhalt der Natur eher abträglich erscheinen. Ein Klettergerüst am romantischen Seeufer, Idylle pur? Ein freistehender Ofen auf einer Wiese, dessen wichtigste Funktion offensichtlich nicht dem raumgreifenden Wärmespenden entspricht.

Es sind Fotos von Vorgefundenem und doch scheinen sie noch eine andere, zweite Realität außer der abgebildeten zu vermitteln. Gerade die Sichtweise auf die Dinge lässt eine weitere Ebene erspüren. In manchen Fotos blitzt sie richtiggehend surreal auf, wie die Lichtspiele eines Gardinenfensters, dass Außen und Innen nicht mehr klar erkennen lässt. Ein Foto vom Lichtstudio Halle, dessen Fassade sich „selbstleuchtend“ vor pechschwarzer Nacht abzuheben scheint. Oder aber die bizarre Rückenansicht eines Hauses, dessen interessante Oberfläche zunächst auf eine extravagante moderne Bauweise hinweist, doch die verwendete Mansfelder Schlacke mit vermutlich radioaktivem Gehalt sowie fehlende Fenster als Lichtquelle lassen den Betrachter schnell stutzig werden.

Gert Kiermeyers Fotos zeichnen sich durch eine formale Strenge und eine klare Komposition aus. So ist die Suche nach dem richtigen Bildausschnitt ein wesentlicher Arbeitsschritt beim Fotografieren, den der Fotograf auch gern demonstrativ zeigt, indem er den schwarzen Negativrand sichtbar macht.

Doch auch spätere Veränderungen werden vorgenommen, wie beispielsweise eine andere Gewichtung der Flächen, wie das Bild dreier verloren wirkender Reihenhäuser deutlich macht. Ihre Unwirklichkeit wird durch ihre gleichförmigen Fassaden, aber auch durch die weite leere Fläche im Vordergrund und den riesigen grauen Himmel hervorgerufen, die ihre Verlorenheit wie potemkinsche Dörfer erscheinen lässt. Was ist inszeniert und was nicht? Was ist real und was nicht?

Letztendlich ist das Ausmaß seiner Inszenierungen nicht relevant, denn die Veränderungen, die vorgenommen werden, sind unerheblich und betonen nur die Dinge innerhalb des Vorgefundenen. Es sind keine Manipulationen um der Manipulation willen. Vielmehr ist es die ausgesprochene Klarheit der Komposition und das Gespür für Formen und Flächenverhältnisse, die die Bildinhalte in den Vordergrund rückt, die über das rein realistisch Abbildbare hinausgehen. Die Spannungen und Irritationen seiner Fotografien offenbaren eine weitere Ebene hinter dem Realen, dass im weitesten Sinne ein gesellschaftspolitisches Anliegen offenbart.

 

Landschaften

Der in Halle geborene Maler Christoph Bouet hat an der Burg Giebichenstein bei Prof. Ronald Paris Malerei studiert. 1999 hat er sein Studium beendet und arbeitet seitdem als freischaffender Künstler. Letztes Jahr zog er von der Stadt Halle in die ländliche Peripherie Berlins.

Christoph Bouet hat dieses eine Jahr der Förderung genutzt, um sich ganz der Landschaftsmalerei zu widmen. Dies war zuvor nur ein Nebenprodukt seiner Arbeit mit Farbe. „Man fängt irgendwo an und baut Stück für Stück eine Welt auf. Der Prozess der Entstehung ist lang und meistens beschwerlich.“ Wer seine Bilder der letzten Jahre kennt – leere wüstenähnliche melancholisch düstere Phantasielandschaften, wird erstaunt sein, wie sich seine Malweise letztes Jahr verändert hat. Es fallen sofort die viel größere Farbpalette und vor allem die bewegten Stimmungsbilder auf. Die Landschaften selbst sind konkreter geworden.

Dieser Wandel entspricht einer radikal veränderten Arbeitsweise. Was zuvor im Atelier entstand, wird nun in freier Natur erarbeitet. Christoph Bouet hat sich der Herausforderung gestellt, ganz in der Natur zu arbeiten. Hierbei geht es für ihn um die Auseinandersetzung mit dem Realen, auch dem Alltäglichen der jeweiligen Landschaftssituation und Stimmung.

Da gibt es eine sanfte Hügellandschaft mit satten wohlgenährten Wiesen, die einem eine ruhige Saturiertheit vermitteln. Dann gibt es Bilder mit durchwühlten Ackerfurchen, die durch aufgeregte Pinselstriche den Betrachter in Unruhe versetzen. Oder aber die heroischen Landschaften, die vor allem durch die spannungsvollen Farbkontraste der Wolkenkonstellationen eine Dramatik entwickeln. Selten nur werden Menschen abgebildet, wenn dann als Farbtupfer, die der Zeitlosigkeit der Landschaften keine Konkurrenz bieten.

Im Vordergrund steht für Christoph Bouet die Vermittlung des Naturerlebnisses. Dabei ist das gerade direkte Erleben ein wichtiges Moment, das Rascheln im Gras, das Rauschen der Blätter, Wind, Regen, alles trägt dazu bei, seine Fähigkeit zu mobilisieren, bestimmte Stimmungen zu erfassen und in den Dialog mit der vorgefunden Natursituation zu treten, um deren Charakteristisches präzise wiederzugeben. Wie sich andeutet, hat dies auch viel mit Überprüfen, dem ständigen Präzisieren und Schärfen der Sinne auch ganz profan der handwerklichen Fähigkeiten zu tun.

Es erfordert ein hohes Maß an Konzentration, denn die Landschaftsstimmungen verändern sich schnell. So sind es vor allem die Nachmittags- und Abendstunden, die ihn zum Arbeiten zwingen, die ihn anspornen, die verschiedenen Nuancen zu studieren, seien es Farbfacetten oder ihre Stimmungen. Die Vergänglichkeit der blauen Stunde – vielleicht kommt der Begriff der Romantiker für das größtmögliche Eintauchen und Empfinden der Natur – dem Streben von Christoph Bouet am nächsten, mahnt ihn zu schnellem und vor allem exakten klarem Arbeiten. „Das Licht am Abend ist rasend schnell und kleine Bildformate zwingend.“, so Bouet „Tagsüber gibt es ein zähes Arbeiten, während abends mitunter alles in 30 Minuten gesagt zu sein scheint.“ Dieses skizzenhafte, malerische Hinschreiben eines Erlebnisses mag an den französischen malerischen Realismus eines Corots oder gar der englischen Vorbilder wie Constables erinnern, die die Natur nicht mehr als eine objektive Totalität, sondern vom Subjekt abhängig und damit sich als verändernder Erscheinung erfuhren. Für Christoph Bouet ist dieses subjektive Empfinden jedoch nur insofern wichtig, als er damit Charakteristisches erfassen möchte, seiner Wahrnehmung von Wesentlichem entspricht. So sind es beispielsweise die Kiefern nahe seinem Haus, die ihn immer wieder herausfordern, deren spezifische Eigenwilligkeit ihm vertraut ist und der er im Malen immer näher kommen möchte.

So entstand im letzten halben Jahr eine Vielzahl an Gemälden, von denen nur einige wenige seinen Ansprüchen genügen. Wichtig sind sie dennoch für die künstlerische Entwicklung. Insbesondere auch beim Betreten neuer Wege, für ihn neuer Wege, die vielleicht an bestimmte Traditionen anknüpfen werden. Zumindest sind es für ihn neue Erfahrungen, die ihm weitere Möglichkeiten bieten werden. Und wie Bouet selbst sagt: „Bald male ich draußen Schnee und Eis und die kahle Eiche im Park. Das alles war schon immer das Richtige für mich. Ich sehe meinen Weg.“

Anne Brieger-Pollak, Halle

 

Christoph Bouet

Christoph Bouet fasziniert die echte Einsamkeit: „… nicht die zerstörerische Isolation in einem Block mit vielen Anderen, sondern das Etwas, das einen beschleicht abends am Fluss und man fühlt sich ausgeglichen und denkt einen Augenblick an die Gegenwart. Intakte Landschaften sind heute wichtiger denn je. Keine Oasen, sondern feste Bestandteile in unserer Welt sind mittlerweile überlebenswichtig.“

Christoph Bouet wurde 1974 in Halle geboren. Von 1990 bis 1992 besuchte er das Burggymnasium, daran schloss sich das Studium der Malerei an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle bei Prof. Ronald Paris an. Seit 2001 ist Christoph Bouet freischaffender Maler und Graphiker in Halle (Saale).

 

Gert Kiermeyer

Den Fotografen Gert Kiermeyer locken alte Fabriken und Wohnhäuser, die es in Ostdeutschland auch 15 Jahre nach der Wende immer noch recht zahlreich gibt, auch bizarre Objekte, die er in Stadtlandschaften oder verwilderten Gärten entdeckt und die sich die Natur langsam wieder zurückerobern will. „Es ist mein Wunsch, diese Dramatik und Radikalität der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen zu dokumentieren.“ Durch die Beschränkung auf schwarz/weiß und auf bestimmte Bildausschnitte ästhetisiert er seine Fotografie und entfremdet den dokumentarischen Blick von einer realen in eine irreale Welt.

Gert Kiermeyer wurde 1963 in Schkopau geboren. Nach dem Abitur im Jahre 1982 studierte er zunächst Lebens-mitteltechnologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach Abbruch des Studiums arbeitete er als Hilfskoch und Busfahrer. 1986 begann er mit dem Studium der Fotografie unter All Fruck in Berlin. Seit 1990 arbeitet er als Fotograf in Halle.

Vernissage zur Ausstellung “Christoph Bouet | Gert Kiermeyer – Helen-Abbott-Preisträger 2003″ am 30.09.2004

Zur Einführung sprachen:

  • Rita Berning,
    Kultusministerium Sachsen-Anhalt
  • Dr. Hans-Jochen Marquardt,
    Beigeordneter für Kultur, Bildung, Sport der Stadt Halle (Saale)
  • Anne Brieger-Pollak,
    Kunsthistorikerin, Halle (Saale)