Bilder, die noch fehlten – Zeitgenössische Fotografie

28. Februar bis 14. April 2002


Bilder, die noch fehlten – Zeitgenössische Fotografie
(Eine Ausstellung des Deutschen Hygienemuseum Dresden und der Deutschen Behindertenhilfe “Aktion Mensch e.V.”)

Vor zwei Jahren erregte der britische Trendfotograf Nick Knight großes Aufsehen, als er eine Serie von hochartifiziellen Modefotos veröffentlichte, auf denen er behinderte Models in Szene gesetzt hatte. Was war hier geschehen? Eine kalkulierte Sensation, ein zynischer Tabubruch – oder eine längst überfällige Selbstverständlichkeit? Wie immer man diese Frage beantworten mag: Nick Knight war mit diesen Fotos die Irritation des gewohnten Blicks auf behinderte Menschen gelungen.

Die Ausstellung „Bilder, die noch fehlten“ (Kuratoren: Klaus Honnef, Gabriele Honnef-Harling) lotet die fotografischen Möglichkeiten aus, die sich durch eine solche neue Sichtweise auf Menschen mit Behinderungen eröffnen. Die Ausstellung, die von der Deutschen Renault AG unterstützt wird, präsentiert ein breites Spektrum gegenwärtiger Positionen und Stile. Bewusst wurden Fotografen aus ganz entgegengesetzten Richtungen eingeladen, an dieser Gruppenausstellung teilzunehmen. Auf der einen Seite stehen Mode-, Beauty- oder Lifestyle-Fotografen, die in ihrer Profession Bilder einer künstlichen Welt des Scheins schaffen; auf der anderen finden sich Reportage-Fotografen, die sich dem Thema mit sehr unterschiedlichen Haltungen nähern sowie eine Reihe von Foto-Künstlern, die sich mit den besonderen Formen der Wahrnehmung auseinandersetzen, durch die das Sichtbare erst Gestalt gewinnt. Einige der beteiligten Fotografen sind selbst behindert und dadurch in der Lage, ihre fotografische Bildsprache aus eigener Erfahrung zu formulieren.

Bis heute ist das „kollektive Bildgedächtnis“ von den Lebenswelten behinderter Menschen geprägt von hartnäckigen Klischees. Häufig sind behinderte Menschen Objekte eines Sensationsjournalismus, der sich bestenfalls mit einem gewissen „human touch“ umgibt; oder die bildlichen Darstellungen von behinderten Menschen stehen im Zusammenhang mit sozialen Institutionen, sie sollen Mitleid erwecken oder dienen als Beleg für geleistetes Engagement. Eine solche eingeengte Wahrnehmung versperrt den Blick auf die Individualität des einzelnen Menschen und nimmt ihm seine Würde. Es ist das Ziel der Ausstellung, solche Wahrnehmungs-Stereotypen zu durchbrechen und behinderte Menschen in einem neuen, ungesehenen ästhetischen Kontext zu zeigen.

Auch in dieser Ausstellung kann kein objektives oder natürliches Bild von behinderten Menschen gezeichnet werden, weil es ein solches Bild auch von nicht-behinderten Menschen nicht gibt. „Natürlichkeit“ ist im Medium der Fotografie immer eine Frage des subjektiven Blicke und der Inszenierung. Wie jeder Blick, ist auch der Blick des Fotografen nicht objektiv, nicht frei von Vorurteilen und Widersprüchen. Unausweichlich bewegt sich jeder Fotograf in diesem Spannungsfeld und muss sich mit seinem eigenen Standpunkt auseinandersetzen.

„Bilder, die noch fehlten“ greift mit wenigen Ausnahmen nicht auf bereits vorhandenes Material zurück, sondern zeigt Fotos, die eigens für dieses Projekt erarbeitet wurden. Viele der teilnehmenden Fotografen haben sich in ihren früheren Arbeiten noch nie mit der Lebensweise von Menschen mit Behinderungen beschäftigt. Die Ausstellung möchte auf diese Weise neue, noch nicht gesehene Bilder von Behinderung und behinderten Menschen öffentlich machen. Sie möchte dazu ermutigen, behinderte Menschen anzuschauen, wahrzunehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Dagmar Schmidt

 

Anmerkung zu einer Ethik des Sehens (Auszüge)

Man braucht bestimmte Sichtweisen nur oft genug zu wiederholen, damit sie an Wirklichkeit und Wahrheit gewinnen. Je mehr Bilder uns beherrschen, desto wichtiger wird es, dass sie uns Spielräume zur Entwicklung eines individuellen Selbstbildes lassen oder dass sie diese Spielräume schaffen.

Die Bilder, die es bisher von Menschen mit Behinderungen gibt, erfüllen diese Forderung in der Regel nicht. Im Gegenteil, der Betroffenheitsblick wird etabliert. In der Massenkommunikation gibt es teilweise groteske Zerrbilder sozialer Wahrnehmung. Es wird überhöhte und teilweise absurder Ästhetizismus propagiert. Unsere Alltags-Ästhetik kann diskriminierend sein. Die Ästhetik der Massenmedien schreibt uns Bedingungen und Formen unserer Wahrnehmung vor, schreibt vor, wie wir Menschen mit Behinderungen im Alltag erleben. Entweder wir bilden diese Ästhetik bewusst und übernehmen Steuerung unserer Wahrnehmung, oder wir lassen sie diffus und unberechenbar im Alltag herumvagabundieren.

Die Fotografie kann die Größe einzelner Augenblicke einfangen, Neugier wecken, Scheu nehmen, Verkrampfung lösen und neue Einsichten bringen. Die bisherigen müssen durch neue Bilder überwunden werden, wieder und wieder. Dies leisten die „Bilder, die noch fehlten“. Wer ihnen begegnet, entdeckt die Möglichkeit, anders zu sehen. Und im „Sehen“ ist „Wirken“, und im „Wirken“ entsteht Wirklichkeit. Die Gräben sind weg. Was bleibt? Eine Irritation: Brauchen wir wirklich Bilder, um all das zu „sehen“? Offensichtlich ja. Es gibt noch so viele Bilder, die uns fehlen.

Heike Zirden, Günther Heinrich

 

Teilnehmende Künstler

  • Michael Bause (Bonn)
  • Evgen Baver (Paris)
  • Sibylle Bergemann (Berlin)
  • Rasso Bruckert (Mauer)
  • Anton Corbijn (London)
  • Josef H. Darchinger (Bonn)
  • Uwe Düttmann (Hamburg)
  • Hans Hansen (Hamburg)
  • Gottfried Helnwein (Irland)
  • Andreas Horlitz (München)
  • Daniel Josefsohn (Berlin)
  • Nick Knight (London)
  • Herlinde Koelbl (München)
  • Olaf Martens und Falk Schultze-Motel (Leipzig)
  • Floris M. Neusüss (Kassel)
  • André Rival (Berlin)
  • Olaf Schlote (Bremen)
  • Marilyn Stroux (Hamburg)
  • Kai Zastrow (Amsterdam)
  • Wolfgang Zurborn (Köln)

Die Vernissage zur Ausstellung “Bilder, die noch fehlten”
am 14.04.2011

Zur Einführung sprachen:

  • Dagmar Szabados,
    Bürgermeisterin der Stadt Halle (Saale)
  • Klaus Vogel,
    Direktor des Hygienemuseums Dresden
  • Heike Zirden,
    Deutsche Behindertenhilfe – Aktion Mensch e.V.
  • Prof. Klaus Honnef,
    Kurator der Ausstellung

Schirmherren der Ausstellung:

  • Johannes Rau,
    Bundespräsident
  • Dagmar Szabados,
    Bürgermeisterin der Stadt Halle (Saale)