Allen Jones und Mel Ramos – POP ART

Vom 27. April bis 2. Juni 2002


POP ART

Wie das vor über vierzig Jahren begann. Es scheint heute schnell erzählt. Nach Jahren einer quasi hermetisch abgeschlossenen Welt abstrakter Zeichen der Künstlergenerationen aus und nach 1945 in der Westkunst verlangten die nun Jungen nach einer Bildwelt, die die neuen Erfahrungen und die modernen Dinge des Alltags widerspiegelte. Sportereignisse, Werbewelt, Flaschen von Erfrischungsgetränken, Zigarettenpackungen, Zigaretten, Zigarren, Zahnpastatuben. Pin-up-Girls, Film-Diven und Sport-Helden. American way of life. Für einen Teil der Welt längst Alltag, Zeitgenössisches Leben quasi.

Jeder schien vertraut mit diesen Dingen. Warum also sollten sie nicht Gegenstand oder gar Thema der Kunst sein ? Alles nur irgendwie anregende aus dem Tagesgeschehen, ganz gleich ob, Filmsequenz, Waschmittelverpackung, Einkaufstüte, Zeitschrift etc., die schon geschaffenen Oberflächen aus der Massenkultur werden zur Quelle künstlerischer Inspiration. Es schien anfangs sogar so, als ob sich mit den Requisiten und Fundstücken aus dem modernen Alltag eine quasi allgemein verständliche Kunst schaffen ließe. Denn jeder konnte ja im Vorbeigehen Topf, Dose, Packung, Duschvorhang, Jeanshose, Hollywoodstar erkennen. Die Themen scheinen banal und alltäglich zu sein. Doch schon die verwendeten künstlerischen Mittel sind es nicht, diese sind äußerst raffiniert. Die Werke der beiden ausstellenden Künstler, des Engländers Allen Jones und des Kaliforniers Mel Ramos, schöpfen aus dieser Bildwelt, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise.

Mel Ramos demonstriert, wie beständig Bilder sind. Und doch wie bereit, manipuliert zu werden, um dann in einer von der ursprünglichen Gestalt abgeänderten Form wieder in den Kommunikationskreislauf eingebracht zu werden. Was ist Realität, was ist Fiktion ? Die Pin-up-Girls in variablem Maßstab drapiert zu Fetischen der Neuzeit verändern den Blick. Objekt, Figur und Betrachter. Betrachterin. Ironie ist gegenwärtig. Ramos entlarvt die Strategien der Werbebranche, indem er sie zitierend zur Schau stellt. Schauen Sie auf Ramos` Football Funny. Der Künstler gibt uns ein Bild einer schönen Frau auf einem ja viel zu großen Fußball. Oder ist es eher umgekehrt ? Madonnengleich trohnt SIE sicher und lässig auf ihrem Sitz und schaut uns naiv-verführerisch entgegen. Fußball und Frau – Männerfantasie und Prestigeobjekt ? Handwerklich gesehen handelt sich dabei übrigens um ein Aquarell von unglaubliche Präzision und Perfektion in dieser Technik.

Den zweifellos größeren Teil der Ausstellung ist Allen Jones gewidmet. Allen Jones gehört zu den bekanntesten englischen Pop-Art–Künstlern. Stilettos und bestrumpfte Frauenbeine gelten lange Zeit als seine Markenzeichen. Es geht Jones durchaus um die Vermittlung elementarer Sinnlichkeit, was ihm von feministischer Seite zahlreiche Vorwürfe einträgt. Doch die Grundmotive wurden nicht von ihm erfunden, sondern nur vorhandenes benutzt und in der Manier der Pop-art dargestellt. Der hochhackige schwarze Schuh, ein archetypischer Schuh, wird unvermeidlich. Die harte Modellierung der langen Beine erweckt den Eindruck großen körperlichen Gewichts, weshalb sich die Figuren auf die untere Bildkante stützen. Von da ist der Weg nicht weit zu den ersten plastischen Produkten, mit denen Jones ein weiteres Mal Aufsehen erregt, sollen doch die weiblichen Figuren, lebensgroß aus Ton geformt und in Fiberglas gegossen, fetischistischen Karyatiden gleich als Hutständer, Stuhl und Tisch dienen. Als Vorlage für seine 1969 als Möbelstücke gestalteten lasziven Frauenkörper dienten ihm Sexmagazine sowie pornografische Literatur der Subkultur.

Allen Jones ist auch Bildhauer. Manchmal sind die Grenzen fließend, wenn Jones reliefartig ausgeprägte Elemente in seine Bilder einbezieht. Die Malerei überzieht seit langem die in Farbe gehaltenen Skulpturen aus Metall. Seine Arbeiten werfen u.a. die Frage nach der Funktion der Farbe auf: Farbe als Beschreibung, als Erinnerung, Dekoration, als Geschwindigkeit oder Raum. 1965 zeigte er zum ersten Mal in einer Einzelausstellung in Los Angeles Skulpturen. 1984 entstand eine erste Auftrags-Skulptur für ein internationales Gartenfestival in Liverpool, der eine Reihe weitere Skulpturen für den öffentlichen Raum folgten. Jones geht es nicht um Narration oder Repräsentation, abstrakte und figurative Elemente vermischen sich.

So ist die Pop Art nur scheinbar simpel. Mehr noch: Die Pop Art macht das Triviale erst bildwürdig. Mehr noch: Sie monumentalisiert das Triviale und reflektiert es auf intelligente und im Laufe der Geschichte zunehmend kritische Weise. „Pop Art ist eine Kunst auf dem Bewusstseinsstand einer späten Kultur, ihre scheinbare Simplizität ist in Wirklichkeit in hohem Maße artifiziell.“ (Karl Ruhrberg). Pop Art ist in der Regel vor allen Dingen intelligent. Und sinnlich.

Dagmar Schmidt

Vernissage zur Ausstellung “POP ART”
am 27.04.2002

Zur Einführung sprachen:

  • Dagmar Schmidt,
    Vorstand Künstlerischer Beirat KUNST HALLE e.V.
  • Thomas Levy,
    Kurator